Mitgefuehl

Forum August

Die Erfahrung unseres Lebens - 1

aus: Hazrat Inayat Khan:

'The Alchemy of Happiness

(siehe auch Ratgeber)

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Bewusst oder unbewusst rufen wir das Element zu uns, das uns zu dem macht, was wir sind. Was wir im Leben erleben, kommt also entweder von dem, was wir in der Vergangenheit bereits zu uns gerufen haben, oder von dem, was wir im gegenwärtigen Moment rufen. Es ist sehr schwierig für einen Menschen, etwas zum ersten Mal zu hören und es sofort zu akzeptieren. Kein Mensch auf dieser Welt hat den Wunsch, nach etwas zu rufen, das er nicht haben möchte. Denken wir also, wie Emerson schon sagte, vorher darüber nach, was wir wollen.

Das Prinzip der gesamten Schöpfung beruht auf diesem Prinzip. Selbst die Früchte und Blumen, die Pflanzen und Bäume benötigen, um das zu sein, was sie sind, das Element, das sie ausmacht.

  • Wenn alle Blumen duften würden, dann trüge jede Blume einen Duft. Doch nur bestimmte Blumen duften; es sind jene Blumen, die nach ihrem Duft gerufen haben.

  • Jede Blume hat eine andere Farbe. Und warum? Weil jede Blume nach ihr rief.

  • Jeder Samen oder jedes Kraut, das einen medizinischen Wert trägt, zeigt, dass seine Besonderheit dazugehört, und es hat nach ihr gerufen.

  • Auch das Leben der kleinen Insekten ist ein Beweis für dieselbe Tatsache. Ihre grüne, blaue oder rote Farbe und ihre schöne oder hässliche Form basieren alle auf dem, was sie zu sich gerufen haben, und werden von diesem geformt. Insekten, die sich zwischen schönen Blumen bewegen, zeigen Schönheit in ihrer Farbe, in ihrem Aufbau; denn sie leben in der Schönheit und rufen daher nach Schönheit.

  • Im Schlamm lebende Insekten zeigen wieder eine andere Eigenschaft. Warum? Weil sie nach ihr gerufen haben.

Je tiefer wir Wissenschaft studieren, sei es Naturwissenschaften oder Chemie, desto mehr werden wir feststellen, dass jedes Wesen und jedes Objekt eine bestimmte Besonderheit aufweist; es ist so, weil es nach diesem bestimmten Element gerufen hat.

Wenn es stimmt, dass Blumen und Pflanzen nach dem Element rufen, das ihre Farbe ausmacht, könnten wir uns fragen, wie es kommt, dass es manchmal nur wenige Unterschiede in den Farben von Blüten und Blättern gibt und dass alle Rosen mehr oder weniger den gleichen Duft tragen. Die Antwort ist, dass die Vergangenheit der Rose hinter ihr liegt. Seit der Samen der Rose die Eigenschaften entwickelt hat, die die Rose zeigt, hat sie diesen Duft und diese Farbe als ihr Erbe erhalten. Doch gleichzeitig nimmt sie aus der Luft und der Sonne die Substanz auf, die sie zur vollkommenen Rose macht. Mit anderen Worten, vielleicht gibt es in irgendeinem Garten eine andere Pflanze, eine Blume, die nicht duftet. Sie hat dieselbe Sonne, dieselbe Luft, denselben Boden, aber es ist die Rose, die nach diesen Eigenschaften ruft, die sie dann zu einer Rose machen. Doch wenn eine andere Blume am selben Ort steht, ruft sie nicht nach diesen Eigenschaften, sondern nur nach jenen, die sie zu dem machen, was sie ist.

Und von Menschen können wir symbolisch sagen, dass der eine auf dieser Erde kriecht, ein anderer leicht läuft, ein dritter rennt und ein vierter fliegt; und doch leben sie alle auf der gleichen Erde und unter der gleichen Sonne.

Keine Eigenschaft kann existieren, ohne von dem, was sie jeden Moment des Tages anzieht, genährt zu werden. So wie unser physischer Körper auf physische Nahrung angewiesen ist, um zu existieren, und so wie unser Geist auf die Nahrung seiner eigenen Sphäre angewiesen ist, so hat jede Eigenschaft ihre Nahrung, eine Nahrung, die sie verlangt und von der sie lebt. So wie der Körper aufhören würde zu existieren, wenn er keine Nahrung bekäme, so würde jede Eigenschaft, wie groß sie auch in einer Person erscheinen mag, aufhören zu existieren, wenn keine Nahrung in Reichweite wäre.

Wenn wir das Leben um uns herum aufmerksam beobachten, werden wir tausend Beweise dafür finden. Wie viele Menschen haben die Neigung zu singen, den Wunsch, etwas Gutes zu tun, doch sie können ihre Eigenschaften nicht finden, oder diese verschwinden, sobald sie die Nahrung, von der sie leben, nicht mehr erhalten!

Ein Mensch, der sozusagen das vollständige Produkt der Schöpfung ist, ist Beispiel dieser Erkenntnisse in ihrer ganzen Fülle. Sein Erfolg, sein Scheitern, sein Leid, seine Freude, alles hängt davon ab, was er ruft und was er zu sich gerufen hat. Viele werden sagen: 'Doch ist es nicht so, dass er das erfährt, was er erfahren sollte?' Das ist die idealistische Sichtweise, und es ist eine gute Sichtweise, die wir einnehmen können; sie ist auch tröstlich.

Doch wenn wir uns dann mit der Metaphysik befassen, werden wir uns erinnern, dass die Hindus das, was Geheimnis hinter der Schöpfung ist, den Traum von Brahma nennen. Da jedes Wesen Brahma, den Schöpfer, repräsentiert, ist jedes Wesen in seiner Sphäre ein Schöpfer seines eigenen Lebens. Es ist die Unkenntnis dieser Tatsache, die den Menschen von seinem Fortschritt in Richtung Vollkommenheit zurückhält; und wenn er Kenntnis hat davon, können wir dies als göttliches Wissen bezeichnen, diese einzige Quelle. Denn wenn jemals jemand eine höhere Erkenntnis erlangt hat, dann aus dieser Quelle.

Es gibt noch eine andere Seite dieser Frage zu bedenken. Wir können sagen, dass es viele unerwünschte Dinge gibt, die wir uns niemals hätten wünschen sollen; jedoch hatten wir sie uns nicht so gewünscht, wie wir sie heute sehen, sondern so, wie wir sie früher gesehen haben, in einer anderen Form. Sehr oft zeigt sich das Glück in der Gestalt des Unglücks, sehr oft zeigt sich Leid in der Gestalt der Freude. Wer nicht nach Leid ruft, wird nach Vergnügen suchen; doch er weiß nicht, dass sich hinter dem Vergnügen vielleicht Leid verbirgt. Wer nach Erfolg sucht, sieht vielleicht nicht, dass sich dahinter ein Misserfolg verbirgt, und gerade sein Streben nach Erfolg ihn zum Misserfolg führen würde. Denn dieser Erfolg war nur dem Anschein nach ein Erfolg; in Wirklichkeit war er ein Misserfolg.

Das Leben ist eine Komödie, und je mehr wir es betrachten, desto mehr können wir darüber lächeln; lächeln nicht über andere Menschen, sondern über uns selbst. Das Leben ist immer anders, als wir es uns vorstellen, und das gilt für Schmerz, Freude, Glück, Erfolg und Misserfolg, für alles.

Die Menschen fragen sich oft, warum manche Seelen in miserablen Umständen geboren werden und andere nicht. Es gibt ein Sprichwort im Koran, das sogar die Weisen manchmal falsch interpretiert haben:

‘Die Schöpfung ist aus der Finsternis hervorgegangen’

Die Seele kommt nicht immer mit offenen Augen auf die Erde. Sie kommt in der Regel mit geschlossenen Augen, wie das Beispiel des Säuglings zeigt, der seine Augen nicht sofort öffnet. Aber um einen Zustand mit einem anderen zu vergleichen, müssen wir mit diesen Zuständen vertraut sein, und diese Zeit kommt nach der Geburt. Wenn wir uns mit dieser Frage eingehender beschäftigen, kommen wir zu einer sehr tiefen Erkenntnis über das Geheimnis des Lebens und insbesondere über das Geheimnis von Glück und Unglück.

Dann würden wir erkennen, dass es nicht immer Absicht ist, dass eine Seele so eingeschränkt ist, dass sie aus einem bestimmten Zustand nicht herauskommt, sondern dass jede Seele sich selbst einen Zustand schafft, auch nachdem sie auf die Erde gekommen ist. Es gibt viele, die im Elend leben, in schlechten Verhältnissen, weil sie es nicht besser wissen. Hätten sie es besser gewusst, hätten sie es schaffen können, sich zu verbessern.

Diese Regel gilt für viele Menschen im Leben. Die meisten Gründe für ihr Elend sind in ihrer eigenen Unwissenheit zu suchen. Wenn sie wüssten, wie sie sich aus ihrem Elend befreien können, gäbe es viele Möglichkeiten, dies zu tun. Doch was auch immer der Zustand eines Menschen sein mag, er ist niemals ungerecht, denn seine Gewinne werden immer seine Verluste ausgleichen und seine Verluste seine Gewinne. Nur sehen wir nicht immer, was der wahre Wert eines jeden Verlustes und Gewinns ist, und die äußeren Umstände haben in Wirklichkeit wenig Einfluss.


Ein aufrichtiger Mensch trägt einen Duft in sich,

den ein aufrichtiges Herz wahrnimmt.

 

Gayan - Boulas


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