Page 20 - Ebook-TragendeGrund
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Bald wurde ich ebenso in Beschlag genommen: <So, du bist neu
hier, hoffentlich hältst du es aus mit uns! Kann ich einen Kaffee haben,
ich habe kein Geld dabei, aber Anny hat gesagt, dass ich ihn auch gratis
haben kann>… das Schwitzen begann, war das geflunkert, oder war es
wirklich eine Abmachung? Der nächste wollte mit mir ein Yatzy spielen,
der vierte mir eine Frauengeschichte erzählen… Und so war ich nach
einer halben Stunde mitten in der ‘offenen Gassenarbeit‘, wie sie sich so
entfaltet.
Als wir um sieben Uhr gemeinsam Znacht assen im Team, so schwirr-
te mir der Kopf von all den Eindrücken, Anny lachte und sagte: <Was
willst du mehr, dies ist Leben! Wir werden genug Zeit haben, all die Din-
ge dann auszusortieren, die Gäste sind neugierig, und sie wünschen sich
wirklich, dass du es ‘mit ihnen aushalten‘ wirst, nicht bloss ein paar Mona-
te, wie sie es schon oft erlebt hatten. Ich denke, wenn Du ein Jahr Geduld
hast, werden wir auf gutem Weg sein!>
Und gleich ging es wieder los in meinem Innern: <Was, ein Jahr Ge-
duld, wofür, weshalb, was ist in einem Jahr, was fehlt denn jetzt?> - wie ein
Flipperkasten reagierte mein Inneres, und Annys Lachen konnte meine
Befürchtungen nur zum Teil lindern. Es war ein lebendiger Abend, fried-
lich und erfüllt. Um elf Uhr baten wir die Gäste zu gehen, und danach
kam der Abwasch, das Aufräumen; etwa um Mitternacht war ich dann
zu Hause.
Schlafen ging nicht, da war zu viel geschehen, der ganze Abend ging
mir nochmals durch den Kopf und das Gemüt, so viele Menschen auf
einmal, so verschiedene Situationen, Gespräche und Eindrücke. Und
plötzlich war ich weg, schlief so tief, dass ich am Morgen kaum wusste,
wo ich war und was ich erlebt hatte.
Bald war die erste Woche um, das Jugendcafé war jeweils von Diens-
tag bis Samstag geöffnet, und jeder Abend war völlig anders, der erste
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