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Petama Forum Mai 'Willenskraft' aus Hazrat Inayat Khan: 'Art of Personality' |
Willenskraft spielt eine große Rolle bei der Charakterbildung. Und die Willenskraft wird schwach, wenn ein Mensch jeder kleinen Neigung, jedem kleinen Drang und jeder kleinen Laune nachgibt; wenn er jedoch gegen jede kleine Laune, jeden kleinen Drang und jede kleine Neigung ankämpft, lernt er, mit sich selbst zu kämpfen, und auf diese Weise entwickelt er Willenskraft. Sobald Neigungen, Launen und Tendenzen eines Menschen stärker geworden sind als seine Willenskraft, erlebt er in seinem Leben mehrere Feinde, die in seinem eigenen Selbst wohnen, und es fällt ihm schwer, sie zu bekämpfen. Denn Neigungen, Launen und Tendenzen lassen, wenn sie stark sind, die Willenskraft nicht gegen sich wirken. Wenn es so etwas wie Selbstverleugnung gibt, dann ist es diese Übung; und durch diese Übung erlangen wir mit der Zeit eine Kraft, die man Beherrschung über uns selbst nennen kann. In den kleinen Dingen des Alltags vernachlässigen wir diese Einsicht, weil wir denken: ‘Das sind meine Neigungen, meine Vorlieben, meine Bestrebungen, und indem ich sie achte, achte ich mich selbst; indem ich sie berücksichtige, berücksichtige ich mich selbst.’ Doch wir vergessen, dass das, was wir ‘mein’ nennen, nicht wir selbst sind, sondern dass das, was will, wir selbst sind. Aus diesem Grund heißt es im christlichen Gebet: ‘Dein Wille geschehe’, was bedeutet: ‘Dein Wille, wenn er durch mich wirkt’; mit anderen Worten: ‘Mein Wille, der Dein Wille ist, geschehe.’ Es ist diese Täuschung, unseren Besitz mit uns selbst zu verwechseln, die alle Illusionen hervorbringt und den Menschen von der Selbstverwirklichung abhält. Das Leben ist ein ständiger Kampf. Der Mensch ringt mit Dingen, die außerhalb seiner selbst liegen, und gibt so den Feinden, die in seinem eigenen Wesen lauern, einen Raum. Daher ist es im Leben als Erstes notwendig, vorläufig Frieden mit der Außenwelt zu schließen, um uns auf den Krieg vorzubereiten, der in uns selbst ausgetragen werden muss. Sobald wir inneren Frieden gefunden haben, werden wir dadurch genügend Kraft und Stärke gewinnen, um sie im Kampf des Lebens nach innen und außen einzusetzen. Selbstmitleid ist die schlimmste Form der Armut. Wenn jemand mitleidig sagt: ‘Ich bin halt …’, hat er sich, noch bevor er etwas weiter gesagt hat, schon auf die Hälfte dessen reduziert, was er ist; und was er danach noch sagt, mindert ihn gänzlich; danach bleibt nichts mehr von ihm übrig. Es gibt so vieles auf der Welt, das wir bemitleiden können und das wir zu Recht bemitleiden sollten; doch wenn wir keine Zeit haben, uns von unserem eigenen Selbst zu lösen, können wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf andere in der Welt richten. Das Leben ist eine lange Reise, und je weiter wir unser Selbst hinter uns gelassen haben, desto weiter sind wir dem Ziel entgegengekommen. Wahrlich, wenn das falsche Selbst verloren gegangen ist, entdecken wir das wahre Selbst. Ein gebildeter Mensch ohne Willenskraft ist wie ein Kopf ohne Körper.
Gayan - Boulas |
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